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10) Joy 4960 Sprüche Sa, 3. August 2013, 13:15
Die Quelle, die Verrückte macht
Ich war in einem Land, in dem ein Brunnen stand,
der die Leute zu Verrückten machte.
Nun hatten alle von dieser Quelle getrunken, aber ich noch nicht.
Doch sie hielten mich, der ich doch hätte normal sein sollen, für so verrückt, dass ich wirklich langsam den Verstand zu verlieren drohte.
Und so trank ich von der Quelle, die Verrückte macht, um normal zu sein
9) Loa 914 Sprüche Sa, 3. September 2011, 10:32
Die Uhr, die auf 7 Uhr stehen blieb
nach Giovanni Papini


An einer der Wände in meinem Zimmer hängt eine schöne alte Uhr, die leider nicht mehr geht. Ihre Zeiger sind schon vor ewigen Zeiten stehengeblieben und zeigen ununterbrochen dieselbe Uhrzeit an: Punkt sieben Uhr.

Die meiste Zeit ist diese Uhr nur ein nutzloser Schmuck an einer leeren weißen Wand. Trotzdem gibt es zwei Momente am Tag, zwei flüchtige Augenblicke, in denen die alte Uhr aufzuerstehen scheint wie ein Phönix aus der Asche.
Eenn alle Uhren der Stadt in ihrer einwandfreien Gangart sieben Uhr anzeigen und ihre Kuckucks und Läutwerke sieben mal ihren Klang vernehmen lassen, scheint die Uhr in meinem Zimmer langsam zum Leben zu erwachen. zweimal am Tag, morgens und abends, fühlt sie sich in komplettem Einklang mit dem Rest des Universums.

Jemand, der die Uhr in genau diesem Moment ansieht, müsste denken, dass sie perfekt funktioniert... aber sobald dieser Moment vorbei ist, wenn die übrigen Uhren ihren Klang einstellen und die Zeiger weiter ihren monotonen Gang gehen, verliert meine Uhr ihren Schritt und verharrt treu dort, wo sie einst stehengeblieben war.
Ich mag diese Uhr. Und je mehr ich von ihr rede, desto lieber wird sie mir, weil mir immer deutlicher wird, wie sehr ich ihr ähnele.

Auch ich bin irgendwann einmal stehengeblieben. Auch ich fühle mich starr und unbeweglich. Auch ich bin irgendwie bloß nutzloser Schmuck an einer leeren Wand. Aber ich genieße die flüchtigen Momente, in denen auf mysteriöse Art meine Stunde gekommen ist. Dann fühle ich mich sehr lebendig. Alles scheint mir klar und die Welt ein wunderbarer Ort. Ich kann schöpferisch sein, träumen, fliegen und mehr fühlen und sagen als in der ganzen übrigen Zeit. Solche Momente glücklicher Übereinstimmung gibt es immer wieder, in unbeirrbarer Folge.
Beim ersten Mal habe ich versucht, diesen Augenblick anzuhalten, damit er für immer bleibe. Aber es war vergeblich. Wie meinem Freund, der Uhr, entschwand auch mir die Zeit der anderen.
Waren diese Momente vorbei, gingen die anderen Uhren in den anderen Menschen weiter ihren Gang, und ich kehrte zu meiner todesstarren Routine zurück. Zu meiner Arbeit, meinen Kaffeehausgesprächen, ich ging weiter meinen langweiligen Trott, den ich gewohnheitsmäßig Leben nannte.

Aber ich weiß, dass Leben etwas anderes ist.
Ich weiß, dass das wahre Leben die Summe solcher flüchtiger Momente ist, in denen wir uns im Einklang der Welt fühlen.

Fast jeder bedauernswerte Mensch glaubt, dass er lebt. Es gibt bloß einzelne Momente der Fülle, und diejenigen, die das nicht wissen und daran festhalten, immer leben zu wollen, werden an die graue und immergleiche Alltagswelt festgekettet bleiben.

Deshalb mag ich dich, alte Wanduhr.
Weil wir gleich sind, du und ich.
8) Joy 4960 Sprüche Mo, 25. Juli 2011, 17:05
Ein Bussard saß auf einem Baum
und tat den ganzen Tag gar nichts.
Ein kleines Kaninchen sah den Bussard und fragte ihn:
"Kann ich auch so wie du den ganzen Tag dasitzen
und nichts tun?"
"Klar", antwortete der Bussard,
"Das ist doch kein Kunststück".
Also setzte sich das Kaninchen an den Fuß des Baumes
und ruhte sich aus.
Auf einmal erschien ein Fuchs,
sprang auf das Kaninchen und fraß es auf.

Und die Moral der Geschichte?
Um den ganzen Tag dazusitzen und nichs zu tun,
muss man sehr, sehr weit oben sitzen.
7) Loa 914 Sprüche Mo, 20. Juni 2011, 15:39
von Franz Hohler gibt es wundervolle, teils auch sehr groteske Kurzgeschichten, kann ich nur empfehlen!
Hier eine seiner bekanntesten:

Der Weltuntergang
Franz Hohler

Der Weltuntergang
meine Damen und Herren
wird nach dem, was man heute so weiss
etwa folgendermassen vor sich gehn:

Am Anfang wird auf einer ziemlich kleinen Insel
im südlichen Pazifik
ein Käfer verschwinden
ein unangenehmer und
alle werden sagen
Gott sei Dank ist dieser Käfer endlich weg
dieses widerliche Jucken, das er brachte
und er war immer voller Dreck.

Wenig später werden die Bewohner dieser Insel merken
dass am Morgen früh
wenn die Vögel singen
eine Stimme fehlt
eine hohe, eher schrille
wie das Zirpen einer Grille
die Stimme jenes Vogels, dessen Nahrung, es ist klar
der kleine, dreckige Käfer war.

Wenig später werden die Fischer dieser Insel bemerken
dass in ihren Netzen
eine Sorte fehlt
jene kleine, aber ganz besonders zarte, die -
hier muss ich unterbrechen und erwähnen
dass der Vogel mit der eher schrillen Stimme
die Gewohnheit hat oder gehabt haben wird
in einer langen Schlaufe auf das Meer hinaus zu kehren
und während dieses Fluges seinen Kot zu entleeren
und für die kleine, aber ganz besonders zarte Sorte Fisch war dieser Kot
das tägliche Brot.

Wenig später werden die Bewohner des Kontinents
in dessen Nähe die ziemlich kleine Insel im Pazifik liegt bemerken,
dass sich überall
an den Bäumen, auf den Gräsern, an den Klinken ihrer Türen
auf dem Essen, an den Kleidern, auf der Haut und in den Haaren
winzige schwarze Insekten versammeln
die sie niemals gesehen
und sie werden's nicht verstehen
denn sie können ja nicht wissen
dass die kleine, aber ganz besonders zarte Sorte Fisch
die Nahrung eines grössern, gar nicht zarten Fisches war
welcher seinerseits nun einfach eine andre Sorte jagte
einen kleinen, gelben Stichling vom selben Mass
der vor allem diese schwarzen Insekten frass.

Wenig später werden die Bewohner Europas
also wir
merken, dass die Eierpreise steigen
und zwar gewaltig
und die Hühnerfarmbesitzer werden sagen
dass der Mais
aus dem ein Grossteil des Futters für die Hühner besteht
vom Kontinent in dessen Nähe die ziemlich kleine Insel im Pazifik liegt
plötzlich nicht mehr zu kriegen sei
wegen irgendeiner Plage von Insekten
die man mit Giften erfolgreich abgefangen
nur leider sei dabei auch der Mais draufgegangen.

Wenig später
jetzt geht es immer schneller
kommt überhaupt kein Huhn mehr auf den Teller.
Auf der Suche nach Ersatz für den Mais im Hühnerfutter
hat man den Anteil an Fischmehl verdoppelt
doch jeder Fisch hat heutzutage halt
seinen ganz bestimmten Quecksilbergehalt
bis jetzt war er tief genug, um niemand zu verderben
doch nun geht's an ein weltweites Hühnersterben.

Wenig später
werden die Bewohner jener ziemlich kleinen Insel im südlichen Pazifik
erschreckt vom Ufer in die Häuser rennen
weil sie das, was sie gesehen haben, absolut nicht kennen.
Die Flut hat heute
und dazu muss man bemerken
der Himmel war blau und Wind gab es keinen
und der Wellengang war niedrig wie stets bei schönem Wetter
und trotzdem lagen heute nachmittag
die Ufer der Insel unter Wasser
und natürlich wusste niemand
dass am selben Tag auf der ganzen Welt
die Leute von den Ufern in die Häuser rannten
und die Steigung des Meeres beim Namen nannten.

Wenig später
werden die Bewohner jener ziemlich kleinen Insel im südlichen Pazifik
von den Dächern ihrer Häuser in die Fischerboote steigen
um in Richtung jenes Kontinents zu fahren
wo seinerzeit die Sache mit dem Mais passierte.
Doch auch dort ist das Meer schon meterhoch gestiegen
und die Städte an der Küste und die Häfen, die liegen
schon tief unter Wasser
denn die Sache ist die
man musste das gesamte Federvieh
also sechs Milliarden Stück
vergiftet wie es war
verbrennen
und der Kohlenstaub, der davon entstand
gab der Atmosphäre
durch Wärme und Verbrennung schon bis anhin strapaziert
den Rest.
Sie liess das Sonnenlicht wie bisher herein
ABER NICHT MEHR HINAUS
wodurch sich die Luft dermassen erwärmte
dass das Eis an den Polen zu schmelzen begann
die Kälte kam zum Erliegen
und die Meere stiegen.

Wenig später werden die Leute
die mittlerweile in die Berge flohen
hinter den Gipfeln
weit am Horizont
ein seltsam fahles Licht erblicken
und sie wissen nicht, was sie denken sollen
denn man hört dazu ein leises Grollen
und wenn einer der Ältern jetzt vermutet
dass nun der Kampf der Grossen beginnt
um den letzten verbleibenden Raum für ihre Völker
da fragt ein andrer voller Bitterkeit
wie um Himmels willen kam es soweit.

Tja, meine Damen und Herren
das Meer ist gestiegen weil die Luft sich erwärmte
die Luft hat sich erwärmt, weil die Hühner verbrannten
die Hühner verbrannten, weil sie Quecksilber hatten
Quecksilber hatten sie weil Fisch gefüttert wurde
Fisch hat man gefüttert, weil der Mais nicht mehr kam
der Mais kam nicht mehr, weil man Gift benutzte
das Gift musste her, weil die Insekten kamen
die Insekten kamen, weil ein Fisch sie nicht mehr frass
der Fisch frass sie nicht, weil er gefressen wurde
gefressen wurde er, weil ein anderer krepierte
der andere krepierte, weil ein Vogel nicht mehr flog
der Vogel flog nicht mehr, weil ein Käfer verschwand
dieser dreckige Käfer, der am Anfang stand.

Bleibt die Frage
stellen Sie sie unumwunden
warum ist denn dieser Käfer verschwunden?

Das, meine Damen und Herren
ist leider noch nicht richtig geklärt
ich glaube aber fast, er hat sich falsch ernährt.
Statt Gräser zu fressen, frass er Gräser mit Öl
statt Blätter zu fressen, frass er Blätter mit Russ
statt Wasser zu trinken, trank er Wasser mit Schwefel
so treibt man auf die Dauer an sich selber eben Frevel.

Bliebe noch die Frage
ich stell' mich schon drauf ein
wann
wird das sein?

Da kratzen sich die Wissenschaftler meistens in den Haaren
sie sagen in zehn. in zwanzig Jahren
in fünfzig vielleicht oder auch erst in hundert
ich selber habe mich anders besonnen
ich bin sicher
der Weltuntergang, meine Damen und Herren
hat
schon
begonnen.
6) Brausebomm 5 Sprüche Sa, 7. August 2010, 22:11
Sie lag da,
So leblos und starr.
Er weinte - doch das würde auch nichts mehr ändern.
War das Liebe?
Er wusste es nicht.
Hatte sie es seinetwegen getan?
Oder war es doch ein Unfall?
Er wusste es nicht.
Und er weinte um sie.
Kniete vor ihrem Körper.
So viele Fragen
Und doch keine Antworten.
Er nahm ihre Hand.
Sie war eiskalt.
Wie lange lag sie hier schon?
Er wusste nichts und er wollte nichts wissen.
Hatte sie ihn so sehr geliebt?
Wie hatte er ihre Liebe nicht erwiedert?
Er wusste es nicht.
Sie hatte es nicht verdient.
War so ein fröhlicher Mensch gewesen.
Jetzt lag sie hier - vor seinen Knien.
Er wollte fliehen.
Wieso konnte er es nicht?
Er wusste es nicht.
Er wusste nur eins...
Sie würde nie wieder lachen,
Nie mehr reden,
Nie mehr weinen,
Und nie mehr leben!

(verschoben aus der Spruchsammlung)
5) VisionHate Sa, 15. Mai 2010, 12:39
so hier einmal eine Geschichte von mir.
ich weiß sie ist wahnsinnig kitschig.
aber das musste einmal sein
ich eiß sie ist kurz
...
viele Fehler
aber ich wollte sie trotzdem hier hinein schreiben:

Meersströhmung

„ich friere wegen dir und doch wärmst du mein Herz. Ich werde dich immer so lassen wie du bist. Du selber, niemals perfekt!“
Das Mädchen frohr, in ihrem weiten Sommerkleid aus hellen, weichen, leichten Stoff. Eine lange Haarsträhne wurde hochgeweht. Ein Vogel zwitscherte. Sie schob ihr Fahrrad, ein altes klappriges Fahrrad, über die Wiese. Auf dem Feldweg stieg sie auf und fuhr los. Das Kleid wehte.
„ich habe Angst davor! Niemals nie, ich vermisse dich.“Ein klingeln „dingdong“ ein kratzen, trampeln und scharren. Die tür quietschte. Ein Junge schaute sie an
„Momente sind magisch. Dieser nicht. Er sollte auch nicht. Er sollte einfach so sein. Der Moment oder du, ich weiß es nicht!“Sie gingen Hand in Hand. Das Fahrrad blieb.
Wenig später stiegen sie in das kalte Wasser des Meeres. Ein Radio lief im Hintergrund. Die Wellen rauschten. Beide hielten sich fest, ließen nicht los.
Die Wellen brachen auf sie ein.
Das Meer zog beide rein.
Sie würden nie loslassen.
“ Sturmwarnung! Wir bitten sie nicht ins Meer zu gehen. Starke Strömungen und hohe Wellen
sind durch die Sturmflut zu erwarten.“
4) anonym 37 Sprüche Do, 25. Februar 2010, 14:27
Nichts ändert sich - Fuat Kaya
Nun stehe ich hier. Irgendwo am Ende des Nichts.
Ich weiß nicht, was ich hier will und wieso ich hier bin.
Vielleicht ist es die Angst vor den Menschen da draußen. Vielleicht möchte ich einfach nur allein sein, aber vielleicht stehe ich auch hier, weil ich aufgegeben habe, nach jemandem zu suchen, der mich versteht.Nun stehe ich hier. Das steht fest. Ich stehe fest, irgendwo, und starre ins endlose Nichts. Seit ich denken kann, stehe ich eigentlich schon hier. Ich stand schon immer hier, glaube ich. Hier im Nichts. Jedenfalls habe ich keine Erinnerungen mehr an das, was vor dem Nichts war. Ich weiß nicht, ob ich jenseits des Nichts irgendjemanden habe. Familie, Freunde, Kollegen oder irgendjemand anderen. Mein Nichts ist weiß. Nichts eben. Ein kahler, lebloser, weißer Raum. Ich weiß eigentlich nicht, ob ich mich tatsächlich in diesem weißen Raum befinde, aber dafür, dass ich nur diesen sehe, gehe ich davon aus, mittendrin zu stehen. Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht einmal, ob es tatsächlich ein Raum ist, in dem ich mich befinde - ob es ein großer oder kleiner Raum ist. Ich schau nach rechts, links - alles weiß. Ich schaue hinter mir, aber dort - gleich wie auch vor mir - ist alles weiß. Ich schaue an mir herab, alles ist weiß, genau wie oben auch. Ich glaube, überall nachgeschaut zu haben, aber ich weiß es nicht - Alles ist weiß, alles ist nichts. Nur in meinen Gedanken kann ich reden. Ich stelle mir die Frage, wie ich hierher gekommen bin. Ich weiß nicht, wie ich hierher gekommen bin. Wie bin ich hierher gekommen? Ich kenne keine Antwort auf meine Frage. Es geschieht nichts im Nichts, das mich aufklären würde. Es geschieht aber auch nichts, das mich nicht aufklären würde. Es passiert eben nichts. Keine Spur von Bewegung oder Leben, keine Spur von Menschen. Vielleicht kannt ich mal Menschen. Vielleicht hatte ich sogar eine Familie. Geschwister, auf die ich mich verlassen konnte. Meine Mutter, die ich über alles geliebt habe. Mein Vater, mit dem ich alles unternehmen konnte. Vielleicht hatte ich mal solch eine Familie. Wenn das aber so wäre, dann würde ich ein Verlangen nach meiner Familie verspüren, aber da ist nichts. Da ist nichts im Nichts. Es geschieht nichts. Ich weiß nicht, ob ich allein bin, ob ich schon einmal hier war, ob mich gerade jemand sucht, ob mich jemand sieht. Ich bin dem Nichts ausgeliefert. Es geschieht nichts im Nichts, aber ich bin absolut zufrieden mit der Situation. −

... „Seltsamer Traum!“ dachte ich mir, als ich in diesem Moment in einem Bett aufwachte. Aber was habe ich in diesem edel geschmückten Raum voller Leute, die noch edler gekleidet sind, verloren, denn danach sah es aus, als ich mich langsam aufsetzte, bevor ich wieder erschöpft, verletzt vom Anblick erschlagen in die Matratze fiel und sich meine Augen vor Müdigkeit schlossen und ich wieder dort landete, wo meine Geschichte begann...
3) Nischa 939 Sprüche Fr, 1. Juni 2007, 21:50
Wünsche werden eben doch wahr!
Die alte Witwe hatte drei Töchter. Ihr Mann war, wie alle sagten, im Krieg gefallen, doch die Witwe glaubte nicht daran. Sie glaubte, sie hoffte, dass ihr Mann eines Tages zurückkommen würde. Die Alte und ihre drei Töchter wohnten in dem alten Haus auf dem Hügel. Es stand außerhalb des kleinen Dorfes. Keiner wagte es, dieses Haus zu betreten. Manche nannten es das Haus der Einsamkeit. Andere nannten es das Haus der Hexen. Die meisten hatten Angst vor der Alten und ihren Töchtern. Keiner hatte sie je zu Gesicht bekommen. Aber es hieß, dass ihre Töchter wunderschön waren. Ja, das waren sie auch. Die Älteste, hatte lange schwarze Haare und dunkelblaue Augen. Die Mittlere hatte ebenfalls schwarze Haare, doch sie hatte braune Augen. Die Jüngste hatte wie ihre zwei Schwestern schwarze Haare, doch sie hatte Himmelblaue Augen.

Die Witwe stand in der Küche und backte mit ihren Kindern Plätzchen. Die Mittlere wuselte durch die Gegend und bestreute alles mit Mehl. Die Älteste war draußen und baute einen Schneemann und die Jüngste saß am Küchentisch und starrte nach draußen. Ihre Augen waren traurig. Sie sah die ganzen Kinder, die mit ihren Eltern im Schnee spielten und wünschte sich, auch sie hätte einen Vater, der mit ihr im Schnee spielte. Doch ihr Vater war tot. "Worüber denkst du nach, Kind?", fragte ihre Mutter und musterte den traurigen Ausdruck auf dem Gesicht ihrer Tochter. Als sie nicht antwortete, fragte die Frau: "Was wünscht du dir denn zu Weihnachten?" "ich wünsche mir, dass Vater kommt und mich umarmt!", sagte sie und starrte immer noch nach draußen, "Aber das wir nie geschehen, denn Vater ist tot!" "Nein, Kind, dein Vater ist nicht tot. Er wird zurückkommen. Das verspreche ich dir, du musst es dir nur wünschen. Dann wird er kommen und dich umarmen!", widersprach ihre Mutter und wandte sich wieder ihren Plätzchen zu.

Als Die Jüngste diesen Wunsch ihren Schwestern erzählte, lachten die nur und sagten, sie sei doch verrückt. Aber die Jüngste wünschte es sich immer und immer wieder.

So vergingen die Jahre. Aus einem wurden zehn, aus zehn wurden zwanzig. Die Witwe starb, die beiden Älteren Töchter zogen aus, nur die Jüngste blieb und wünschte sich immer nur diesen einen Wunsch. Sie wünschte, ihr Vater würde kommen und sie umarmen. Mit der Zeit wurde auch sie alt. Doch sie blieb in dem Haus, denn wo sollte ihr Vater sie sonst suchen kommen.
Mittlerweile war sie achtzig Jahre alt und hatte bald keine Hoffnung mehr, dass ihr Vater noch kommen würde. Doch ein wenig Hoffnung würde immer in ihr brennen. Es war Heiligabend. Der Schnee fiel auf das kleine Dorf und umhüllte es mit einer weißen Decke. Die alte Frau sah aus dem Fenster und erblickte einen uralten Mann, der das Dorf betrat. Ihm fehlten ein Bein und der Gesichtssinn. Seine Augen waren weiß und kalt. Und doch verströmten sie so viel Liebe, so viel Geborgenheit. Der Mann humpelte auf den Hügel zu und in Windeseile rannte er hinauf. Es klopfte an der Tür, einmal, zweimal, dreimal. Dann öffnete die alte Frau. Dort stand er, ihr Vater. Er war gekommen. Sie fiel ihm um den Hals und er flüsterte: "Ich liebe dich meine Tochter!" Sie antwortete: "Wünsche werden eben doch wahr!" Dann starben sie beide, Arm in Arm. Aber ihr Wunsch hatte sich erfüllt. Er war gekommen und hatte sie umarmt. Wenn man ganz fest daran glaubt, geschehen unglaubliche Dinge. Denn Wünsche werden eben doch wahr!
2) Nischa 939 Sprüche Fr, 1. Juni 2007, 15:30
Kain und Abel
Ein Maler wollte Kain und Abel malen. Er suchte sie. Suchte ihre Gesichter überall, in Kirchen, in Straßen und Gassen. Dann schließlich fand er Abel. Er fragte den Mann, der Able so ähnlich sah, ob er ihn malen dürfte. Nun hatte er einen der beiden Brüder. Jahrelang suchte er weiter, doch fand er nicht jenen, den er brauchte. Er suchte in Gefängnissen, in schwarzen Gassen und in Kneipen, voller düsterer Gestalten. Endlich, nach fünfzig Jahren fand er Kain. Er fragte den Mann, ob er auch ihn malen dürfe. Während Kain auf dem Stuhl vor ihm saß, seufzte er. "Was ist los?", fragte der Maler und der Mann, der Kain so ähnlich sah, antwortete: "Einst war ich Abel, mit reinem Gewissen und dem Glauben zu Gott. Nun bin ich Kain."
1) Nischa 939 Sprüche Di, 28. Februar 2006, 00:09
Der Suchende
Es war einmal ein Suchender.

Er suchte nach einer Lösung für sein Problem, konnte sie aber nicht finden. Er suchte immer heftiger, immer verbissener, immer schneller und fand sie doch nirgends.

Die Lösung ihrerseits war inzwischen schon ganz außer Atem. Es gelang ihr einfach nicht, den Suchenden einzuholen, bei dem Tempo, mit dem er hin- und herraste, ohne auch nur einmal zu verschnaufen oder sich umzusehen.

Eines Tages brach der Suchende mutlos zusammen, setzte sich auf einen Stein, legte den Kopf in die Hände und wollte sich eine Weile ausruhen.

Die Lösung, die schon gar nicht mehr daran geglaubt hatte, dass der Suchende einmal anhalten würde, stolperte mit voller Wucht über ihn! Und er fing auf, was da so plötzlich über ihn hereinbrach und entdeckte erstaunt, dass er seine Lösung in Händen hielt.