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Gedanken…


Tanja 5427 Sprüche - 4. April 2014

Von Körpern und Geld


Jeder von uns hat mit seinem Handeln und Denken ein paar Entscheidungen getroffen, wie er Prioritäten setzt und was er für richtig halten möchte. Ob er für einen Zehner Blutplasma spenden geht, sich zum Thema Prostitution positioniert oder angesichts seiner finanziellen Lage überlegt, zum Bund zu gehen.
Ob diese Dinge alle in ein zusammengehöriges Weltbild passen, wird meist nicht ganz so genau betrachtet. Dabei besteht durchaus eine Parallele: Es geht um die Unversehrheit des eigenen Körpers - und um Geld.

Was das Wirtschaften mit dem eigenen Körper angeht, gibt es gleich mehrere Bereiche, in denen der Staat Gesetze beschließt. Und natürlich stellt sich dabei die Frage: Was hat der Staat eigentlich für ein Recht, zu bestimmen, was ich mit meinem eigenen Körper mache?
Es gibt ein Wort für diese Bevormundung: Paternalismus.

Und gleichzeitig: Wenn meine finanziellen Engpässe mich dazu treiben, mir langfristigen gesundheitlichen Schaden zuzufügen - muss der Staat nicht an dieser Stelle seine Schutzfunktion wahrnehmen?

Zur Übersicht haue ich erst mal ein paar Fakten raus:

Prostitution
...ist je nach Land legal oder strafbar, egal, ob wir christliche oder muslimische Länder betrachten. Auch, wenn es nicht um Zwangsprostitution und Menschenhandel geht, kann ein Abhängigkeitsverhältnis vorhanden sein (Gewalt, psychische Manipulation durch den Zuhälter, Drogen) und natürlich bleibt - je nach Vorsichtsmaßnahme - oft ein Restrisiko für Geschlechtskrankheiten. Außerdem wird oft erwartet, dass die Prostituierten Alkohol mittrinken. Psychische Probleme sind vor der Beschäftigung (viele Prosituierte wurden als Kinder körperlich misshandelt) oder durch die Beschäftigung (Bedrohung, Vergewaltigung oder körperliche Angriffe) sehr häufig - in Hamburg hatten 98% der untersuchten Prostituierten ein traumatisches Erlebnis in der Vergangenheit, 53% hatten eine posttraumatische Belastungsstörung.
Genauso gibt es allerdings auch Bordelle, "Verrichtungsboxen" (eine kontrollierte Form des Straßenstrichs), Callgirls und Escorts, die auf Sicherheit und Legalität großen wert legen. Die vorhandenen Damen bieten sich auch teilweise nicht aus existentieller Not heraus an, sondern haben das als Übergangs- oder Nebenjob, der eben auch ohne amtliche Qualifikation zugänglich ist. Die Variante des Suggar-Daddys wird sogar von Studentinnen genutzt und 4-25% der Mädchen in Japan geben an, schon einmal "Enjokōsai" gemacht zu haben.

Leihmutterschaft
Als Leihmutter wird eine Person bezeichnet, die entweder nur ihre Gebärmutter verleiht (dann wird ihr ein Embryo mit dem genetischen Potential der auftraggebenden "Eltern" eingepflanzt) oder auch gleich ihre Eizelle vergibt (dann schläft der zukünftige Vater mit einer anderen Frau, um das entstehende Kind in die eigene Partnerschaft zu holen).
Leihmutterschaft wird ebenfalls juristisch völlig unterschiedlich gehandhabt. In Deutschland macht sich weder die Leihmutter, noch die Auftraggeberin strafbar - Ärzte, die einer Leihmutter den fremden Embyro einpflanzen, hingegen schon. Außerdem kann die Sorgemutter (die genetisch ja tatsächlich die leibliche Mutter sein kann) nicht juristische Mutter werden, da per Definition diejenige Person die Mutter des Kindes ist, die das Kind geboren hat.

Organhandel
Während Lebendspende, z.B. eine Niere für den Bruder, insbesondere unter nahestehenden Personen in den meisten Ländern erlaubt ist, wird Organhandel massiv bekämpft. Hintergrund sind mafiöse Strukturen, die in armen Ländern Organe kaufen, um sie in reichen Ländern weiterzuverkaufen. Indische Spender erhalten beispielsweise so 750-1000€, die Empfänger, z. B. aus Saudi-Arabien, den USA, Israel und Westeuropa; bezahlen Einzelberichten zufolge 30.000 bis 250.000 € für eine Niere. Mit schlechter medizinischer Betreuung, schlechter Ernährung und hohem Alkoholkonsum kann - so die Erfahrung in Moldawien - der Spender danach selber recht schnell von der Dialyse abhängig werden.
Auch schon ist das Beispiel China: Obwohl China nach heftiger internationaler Kritik Organhandel 2007 verboten hat, wird die Nutzung von Organen hingerichteter Häftlinge als "Wiedergutmachung an der Gesellschaft" positiv bewertet. In Ägypten führt der halbillegale Organhandel sogar zu einer Vielzahl von Entführungen und Ermordungen, um die ausgeschlachteten Organe verkaufen zu können.
Nichtsdestotrotz gibt es Spender, die ohne direkten Zwang (außer ihrer finanziellen Lage) diesen Schritt in Kauf nehmen.

Militär
Gerade in Ostdeutschland ist - angesichts der Anzahl an zivilen Ausbildungsplätzen und deren Vegütung - die Bundeswehr doch ein recht attraktiver Arbeitgeber. Sie wirbt in Schulen und in der BRAVO schon früh um ein gutes Image, zahlt gut und bietet sogar ein kostenloses Studium an (Luft- und Raumfahrtechnik, Geschichte, Mathematical Engineering, Psychologie...), wenn man sich verpflichten lässt.
Man könnte jetzt viele Fragen stellen. Um die Legitimität von Auslandseinsätzen, um Deutschlands Rolle zwischen Friedensmissionen und Waffenexport, um Kosovo, Afghanistan und Mali. Für die meisten Soldaten geht es aber schlussendlich nicht um große Politik, sondern um posttraumatische Belastungsstörungen und amputierte Gliedmaßen. Es ist völlig legal, in Deutschland zwischen dieser Gefahr und dem leeren Geldbeutel abzuwägen.

Medikamente testen
Arzneimitteltester bekommen von der Pharmaindustrie viel Geld geboten, um ihre Gesundheit zu gefährden. So kann die Verträglichkeit und die Nebenwirkungen von neuen Medikamenten geprüft werden. Die Teilnehmer sind meist Medizinstudenten, Arbeitslose und neuerdings Osteuropäer. Obwohl die Gesundheitsgefährdung dramamatisch sein kann (hier ein Fall von 2010), ist das in Deutschland völlig legal.

Plasmaspende
Blutspenden ist normalerweise als Nebenjob ungeeignet - schon allein, weil es meistens nicht vergütet wird. Blutplasma kann man hingegen alle drei Tage spenden, hier in Potsdam verdient man damit pro Spende so zwischen 10 und 15 Euro. Für eine Dreiviertelstunde rumliegen ohne Qualifikation ist das kein schlechtes Angebot. Neben Kreislaufproblemen und Übelkeit können hier Hautnerven beschädigt werden. Angesichts der guten medizinischen Betreuung dürfte das wohl eine der am wenigsten zweifelhaften Methoden sein, aus seinem Körper Profit zu schlagen.

Ich habe bewusst in der Bandbreite von Plasmaspende bis Organhandel alles abgedeckt, um plakativen Extrempositionen ("Alles erlauben!" und "Alles verbieten!") gleich mal vorzubeugen. Die beschriebenen Phänomene werden teilweise geachtet (Plasmaspende, Soldaten), teilweise verachtet (Prostitution, nochmal Soldaten). Teilweise sind sie legal, teilweise werden sie international verfolgt. Sie bergen unterschiedlich hohes Risiko, was aber oft nicht im Verhältnis zur gesetzlichen Behandlung steht - man nehme nur die Gefahr einer künstlichen Schwangerschaft gegen die Gefahr eines bewaffneten Talibankämpfers.

Was also ist eurer Sicht der Maßstab, an dem man festmachen sollte, wie käuflich der eigene Körper ist?
Dann mal los zur

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