direkt zum Inhalt direkt zum Menü direkt zur Kategorieauswahl

Gedanken…


Tanja 5429 Sprüche - 9. Juli 2011

Weg und Ziel


Heute beginne ich den Gedanken mal mit einem Test, den ich für euch erstellt habe. Keine Sorge, es gibt kein richtig und falsch. Es gibt zwei große Parteien unter den Philosophen. Und der Test stellt einfach nur fest, zu welcher du gehörst.
Du kannst den Test entweder direkt unter testedich.de machen oder hier:



Wenn ihr den Test jetzt gemacht habt, habt ihr vielleicht eine Ahnung davon bekommen, was deontologische und teleologische Ethik bedeutet.

Die Deontologen (griech. deon = die Pflicht) achten auf den Weg und auf den guten Willen dahinter. Jeder Schritt einer Handlung muss für sich stehend gut sein.
Immanuel Kant war zum Beispiel Deontologe. Er wusste genau, was er für richtig und falsch hält - und dann hat er sich daran gehalten. Auch, wenn er damit Freunden vor den Kopf stieß oder es Nachteile für ihn bedeutete. Diese Sturheit hat durchaus etwas Beeindruckendes. Es beweist Integrität, wenn jemand nicht ständig sein Fähnchen nach dem Wind dreht.
Eine ganze Weile fand ich seine Art klasse. Sie mochte ein bisschen engstirnig und unflexibel sein - aber er hat seine Ideale nie verkauft.

Den Teleologen (griech. téleos = das Ziel) hingegen ist nur der Ausgang einer Handlung wichtig. Wenn ein (moralisch gerechtfertigtes) Ziel erreicht wird, ist die Handlung gut. Auch, wenn die einzelnen Schritte dorthin fragwürdig sind. Die Devise lautet: Der Zweck heiligt die Mittel.
Die ersten britischen Utilitaristen (engl. utility = Nutzen), die es um die Zeit der französischen Revolution gab, waren eine Form von Teleologen. Sie waren eigentlich mehr Politiker als Philosophen: Sie wollten, dass das Volk nicht permanent unglücklich war.
Also gingen sie so ein bisschen „demokratischer“ an die Philosophie ran: Es wird so gehandelt, dass möglichst viele Menschen möglichst glücklich sind.
Natürlich heißt das, dass nicht unbedingt das moralisch astreine stattfindet. Ein Beispiel: Wenn die Deutschen beschließen würden, dass ihnen die Atomkraft selber zu gefährlich und schädlich ist, aber sie gerne noch die nukleare Energie aus Weitweitweg anzapfen, dann kann man das als asozial und scheinheilig bezeichnen.
Sie nähmen die Gefahr in anderen Ländern in Kauf und würden die Entscheidung einfach außer Blickweite schieben.
Trotzdem - ein (ursprünglicher) Utilitarist würde dagegen wohl nicht viel sagen. Es macht die Deutschen glücklich, weil sie sich sicherer fühlen, und es macht Weitweitweg glücklich, weil sie damit eine Menge Geld verdienen. Wenn als mehr Leute sich darüber freuen, als Leute darunter leiden - dann ist doch alles wunderbar.

Das mag jetzt etwas hart klingen. Immerhin versuchen sie wirklich nur, die Menschen glücklich zu machen. Und sie sind nicht parteiisch! Die Meinung der Leute in Weitweitweg ist genauso wichtig wie die Meinung der Deutschen.
Utilitaristische Entscheidungen sind oft sehr vernünftig, denn sie finden einen Mittelweg zwischen dem Gewollten und dem Machbaren.

Die Teleologen gehen nicht so aufs Ganze wie die Deontologen - und haben auf diese Weise oft zumindest einen Teilerfolg, während die Detontologen noch schmollend ihre Banner mit "Das reicht uns nicht!" hochhalten.

Mich haben also beide Richtungen irgendwie begeistert. Und ich habe mich gefragt, was mir wichtiger ist: Dass etwas gut ausgeht, oder dass jeder Schritt bis dahin moralisch vertretbar ist.

Ein gutes Beispiel ist zum Beispiel eine Sängerin, die nach Afrika spendet, um sich zu profilieren. Man merkt, dass ihr die Leute dort völlig egal sind, aber sie lässt sich ständig mit einem afrikanischen Baby im Arm ablichten, schüttelt viele Hände und gibt zahlreiche Interviews dazu „wie wichtig es ihr wäre, Gutes zu tun“.
Ein Deontologen würde wohl nur die Augen verdrehen, weil kein moralisch hochstehender Wille dahinter steckt. Ein Teleologe freut sich hingegen einfach über die Spende.

Ich denke, es ist sinnvoll, hier zwischen der Person und der Tat zu unterscheiden. Die Tat ist gut. Die Person ist es dadurch aber nicht unbedingt.
Wenn es also darum geht, ein Gesetz zu schreiben (und Gesetze kümmern sich meist hauptsächlich um die Taten), dann würde ich solche Spenden auf keinen Fall verbieten.
Wenn es darum geht, einen Orden zu verleihen, dann würde ich ihn diesem Popstar wahrscheinlich nicht in die Hand drücken.

Mit dieser Differenzierung lassen sich einige Fragen leichter lösen.
Erziehung sollte zum Beispiel aus meiner Sicht hauptsächlich deontologisch ablaufen. Es geht nicht darum, dass das Kind gleich tolle Sachen hinkriegt. Es geht nur ums Versuchen, um den guten Willen.
Auch in Freundschaften geht es mehr um die andere Person. Wenn eine Freundin für mich den Abwasch erledigt, ihr dabei aber ein Teller runter fällt, dann sollte ich sie nicht spontan zusammenstauchen. Wenn die Teller wirklich teuer sind, dann kann ich sie natürlich trotzdem bitten, den Abwasch doch bitte mir zu überlassen.

Im Punkten, in denen es hauptsächlich um eine Handlung geht, ist hingegen die teleologische Sichtweise besser. Nehmen wir zum Beispiel en Mitarbeiter eines Kernkraftwerkes, der sich ein bisschen schusselig anstellt. Er mag nur das Beste wollen und sich ehrlich Mühe geben, aber dummerweise hätte er damit schon zweimal fast eine Kernschmelze ausgelöst.
Auch, wenn er ein deontologisch gesehen wunderbarer Mitarbeiter ist, sollte man ihn schleunigst entlassen. Wie der Richter seinen Fall dann beurteilt – das ist wieder eine Frage nach seiner Person.

Ich bin deshalb mit dieser Differenzierung recht zufrieden. Ich habe mich lange gefragt, welche der beiden Richtungen ich besser finden soll, und das scheint mir eine gute Faustregel zu sein.

Nun würde mich aber auch euer Umgang damit interessieren. Denn egal, ob ihr es mit den Fachwörtern benennt oder nicht – die Frage stellt sich auch im Alltäglichen.
Achtet ihr eher auf den Weg oder eher auf das Ziel?

Zur Diskussion