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Gedanken…


Joy 4948 Sprüche - 28. März 2010

Muss man gleich beschützen?


Jetzt lässt euch die gute Joy 4948 Sprüche auch mal wieder an ihrem etwas (sehr) konfusen Innenleben teil haben. Es kommt ja auch wirklich sehr selten vor, dass ich irgendwelche Gedanken schreibe, aber das liegt nicht daran, dass ich nicht nachdenken würde, ganz im Gegenteil. Nur sehe ich meine Gedanken meistens als absolut trivial für die Welt, schwer nachvollziehbar und sprunghaft ... außerdem gelingt es mir oft nicht, sie in gute Form zu bringen. Das liegt, denke ich, daran, dass ich mich in dem Moment mit dem Gedanken auseinandersetze, in dem ich das hier schreibe. Ich bin kein Mensch für vorbereitetes Arbeiten, wirklich nicht. Soviel zum Einstieg, zur Einstimmung und zur Rechtfertigung. Sucht selbst aus, wofür ;-) Nun aber will ich wirklich mein inneres Chaos vor euch ausbreiten. Ich hoffe, ihr beschäftigt euch ein wenig damit und steigt vielleicht auch darauf ein, denn ich bin sehr neugierig, was ihr darüber denkt.

Ich habe mir das Thema "Beschützen" ausgesucht. Ganz einfach daher, dass ich im Spruch-Archiv in letzter Zeit sehr oft auf Sprüche treffe, die irgendwas mit beschützen zu tun haben. Und Lieder. Und Geschichten. Und da fiel mir ein: Was genau bedeutet es, wenn man sagt, man will jemanden beschützen? Hält man ihn für unmündig? Glaubt man sich wirklich so stark, dass man in der Lage ist, für eine andere Person gegen das Leben zu kämpfen? Schafft man dann nicht eine Beziehungsdiskrepanz wie zwischen Mutter und Kind? Warum glaubt man, dass gerade man selbst in der Lage ist, jemanden und etwas zu schützen? Und was genau meint man damit? Ja, es ist "nett gemeint", denn irgendwie ist es ja ein Kompliment: Du bist mir wichtig, ich möchte dich bewahren. Aber warum habe ich persönlich dann doch ein so gespaltenes Verhältnis zu diesem Satz? (Vermutlich, weil er mir noch nie gesagt wurde). Der Satz "Ich will dich beschützen" ist mir zum einen total zuwider, aber auf der anderen Seite sehne ich mich danach, dass mir das mal jemand sagt. Ich gehe noch mal ein wenig auf mich und meine Erfahrungen dazu ein: Ich denke, ich bin vermutlich einfach nicht der Typus Mensch, den man beschützen zu müssen meint. Bin ich doch überzeugt, dass alles einen Sinn hat und man nur jene Probleme bekommt, zu denen man auch die Lösungsfertigkeiten hat (oder entwickeln kann). Wenn sich mir etwas in den Weg stellt, dann nehme ich die Herausforderung an und stelle mich dem Problem - zumindest stelle ich mich so dar. Muss ich also beschützt werden, wenn ich mich selbst "gerne" und ohne zögern in die Bresche werfe? Mir wird nachgesagt, ich sei unkaputtbar. Kann man mich also überhaupt beschützen? Oder - noch wichtiger - würde ich mich jemals beschützen lassen? Ich denke, wenn mir wirklich jemals jemand sagen würde, er wolle mich beschützen, dann würde ich ihn auslachen. Ich denke zwar, dass ich es mir manchmal unnötig schwer mache und dass ich vor so mancher Sache gut beschützt werden könnte, aber wer maßt sich an, dass er mit meinen Situationen und meinen persönlichen Lebensherausforderungen besser zurecht kommen kann als ich selbst? Ich bekomme die Herausforderung, so bekomme ich auch den Schlüssel dafür. Passen wirklich noch andere Schlüssel?
Ich denke aber, mein Grundproblem bei diesem Satz ist, dass ich das Gefühl habe, um beschützt zu werden, müsste man schwach sein. Und wer möchte von sich selbst sagen, dass er schwach ist? (Wobei auch das wieder eine Frage der Interpretation ist). Vermutlich stört es mich wirklich am Meisten, dass das Wort "beschützen" für mich wirklich eine Mutter-Kind oder Lehrer-Schüler-Mentalität hat und das hat für mich nichts mehr mit einer gleichberechtigten Partnerschafts-Beziehung zu tun. Also wirklich der Punkt der Unmündigkeit. Was glaubt ihr, sind die Voraussetzungen dafür, dass man beschützen kann und dafür, dass man beschützt wird? Und gibt es das wirkich in unserer Gesellschaft?

Mal ein anderer Aspekt. Weg von der Quelle und mehr auf die verschiedenen Abzweigungen. Was für Arten gibt es, "beschützen" zu verstehen?
Interessant finde ich diesen Spruch hier. Er ist ein gutes Beispiel für den Missbrauch des Schutzes. Man besorgt sich jemanden, der einen blind beschützt und ruht sich darauf aus. Man verlässt sich darauf, dass jemand hinter einem steht und erlaubt sich einfach alles.

Ich mag mich nicht gern mit der Kirche auseinandersetzen;
es hat ja keinen Sinn,
mit einer Anschauungsweise zu diskutieren,
die sich strafrechtlich hat schützen lassen

Kurt Tucholsky erlaubterlaubtDer Spruch darf mit Autorenangabe frei verwendet werden, da die urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist († 21. Dezember 1935)
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(Spruch 4148)

Genauso hier:

Sei mir ein schützender Fels,
eine feste Burg, die mich rettet
(Spruch 11980)

Man bleibt selbst unmündig, weil man sich darauf verlässt, dass jemand anderes da ist, der einen rettet und schützt. Kein Rückhalt, keiner, der deinen Rücken deckt, nein, jemand, der alles Böse von dir abhält. Wie willst du wachsen, gedeihen und deine Fertigkeiten ausbauen, wenn du keine Möglichkeiten hast, dich selbst zu prüfen und zu entdecken? Menschen haben doch unglaubliche Kräfte, sie können mir so viel fertig werden. Also warum geben sie diese Vielfalt und Selbstständigkeit auf? Nur aus Bequemlichkeit? Ich gebe zu, manchmal ist es wirklich praktisch, wenn jemand anderes dir Sachen abnimmt, aber immer so leben, das ist doch schrecklich, oder nicht?

Doch ja, kommen wir wieder auf die eben schon genannten Kräfte des Menschen zurück. Hier sind zwei Sprüche, die ich nutzen möchte um einen weiteren Zweig des Beschützens vorzustellen: Den der eigenen Kraft.

Dich zu beschützen hab ich mir zum Ziel gesetzt,
denn ich will nicht, dass dich irgendwas verletzt.
Für dich, da bin ich ewig da.
Für dich da mach ich unmögliches wahr.
(Spruch 5489)

Das hat vermutlich schon jeder irgendwann erfahren, im Kleinen oder im Großen. Manchmal bleibt man ganz ruhig, obgleich man angegriffen wird. Es ist einfach nicht ganz so relevant, vielleicht weil es einen nicht berührt, vielleicht weil man es bereits gewohnt ist oder aus was für Gründen auch immer. Wird aber jemand anders auf die Gleiche Art angegriffen, vielleicht sogar jemand, der einem etwas bedeutet, schreitet man ein. Man ergreift Partei und setzt sich für den anderen ein. Das zu tun ist für mich - denke ich - recht selbstverständlich. Ist das aber wirklich beschützen? Oder ist das den Rücken frei halten, Freundschaft? Sagen wir einfach, das sei Beschützen - zumindest erstmal. Worauf ich bei diesem Zweig also hinaus wollte, ist Folgendes:

Das Geheimnis übermenschlicher Stärke
resultiert aus dem Bedürfnis heraus,
Menschen, die einem wichtig sind
zu beschützen
(Spruch 4316)

Man wächst einfach über sich selbst heraus, wenn es um etwas geht. Und wenn es "nur" das Gefühl eines Freundes ist, um das es geht. Denn das ist bereits die Welt für einen Menschen.
Hier ist noch ein anderes Zitat für zwischenmenschliche Gründe des Beschützens:

Du hast dich so sehr um mich gekümmert
Darum will ich dich beschützen
Doch wenn ich an die Gefühle der anderen denke,
fühle ich mich so schrecklich hilflos

nach "Full Moon wo sagashite" von Arina Tanemura
(Spruch 30550)

Jemanden aus Dank zu beschützen. Hmm. Ob das der richtige Weg ist? Das, was ich gerne unter beschützen verstehen würde - ein selbstverständliches Beisammensein und Unterstützen - lässt sich irgendwie nicht richtig hiermit in Einklang bringen, finde ich. Ich denke nicht, dass es als Dank, "Bezahlung" oder "Wiedergutmachung" zählen kann. Dann lieber aus ganzem Herzen und aus Überzeugung. Und ohne jegliche Rechnungen.

In diesem Spruch wird eine sehr interessante Ermahnung ausgesprochen, finde ich.

Berühre niemals ein Herz,
wenn Du nicht in der Lage bist
es zu Ehren und zu Schützen.
(Spruch 4788)

Wenn du einem Herzen nah bist - so verstehe ich das - so übernimmst du auch Verantwortung dafür. Das unterschreibe ich. Aber wie ist das genau gemeint? Muss man das fremde Herz dann wirklich total verhätscheln und jedes Windchen von ihm fern halten, oder bedeutet dieser Spruch nur, dass man alles versuchen soll, damit man selbst nicht die Schuld der Verletzung auf sich lädt. Etwas anders ausgedrückt: Du bist für deine Taten verantwortlich. Also geht es nicht darum, jemanden unmündig zu halten oder ihn wirklich zu schützen, sondern nur darum, ganz bewusst und ehrenvoll dem Herzen gegenüber zu handeln.

Das nächste Zitat gefällt mir gut. Es könnte mich gut mit dem Gedanken des Beschützens versöhnen:

Weine nicht, das ertrage ich nicht!
Nein! Das stimmt so nicht
Ich wollte, dass du weinst,
weil du immer gelacht hast
Ich wollte dich beschützen,
damit du weinen kannst, wenn du es willst

nach "Time Stranger Kyoko" von Arina Tanemura
(Spruch 30495)

Einfach einen Raum entstehen lassen - sozusagen eine Oase der Ruhe - wo man die Gelegenheit gibt, genau der zu sein, der man ist und so zu sein, wie man sich gerade fühlt. Aber man ist in diesem Raum nicht gefangen, er wird einem nicht auferlegt. Man kann ihn jederzeit aufsuchen, aber auch wieder verlassen.
Auch hier sehe ich einen schönen Schimmer. Hier geht es - finde ich - nämlich darum, man selbst zu sein, das zu machen, was man für richtig hält (oder wofür man gemacht wurde) und genau so zu wirken.

Wenngleich sie nicht bewußt sich müht,
die Reisfelder vor Eindringlingen zu schützen,
steht die Vogelscheuche dort nicht vergeblich.
(Spruch 13866)

Und hier die Bescheidenheit, dass man sich nicht anmaßt - was ich ja die ganze Zeit kritisiert habe - allen Problen eines anderen Lebens gewachsen zu sein:

Ich kann dich nicht beschützen,
aber ich kann dir nah sein,
und dich trösten, wenn du es brauchst

Marie Methfessel erlaubterlaubtNichtkommerzielle Verwendung des Spruches mit Autorenangabe ausdrücklich erlaubt
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(Spruch 2708)

Der Gedanke gefällt mir auch recht gut, denke ich. Man ist einfach da. Man ist in Reichweite um einzugreifen, gebeten zu werden oder zu trösten. Aber man maßt sich nichts an. Wenn das Angebot ungehört verklingt wacht man über die Person - handelt, wie man es für richtig hält - und drängt sich nicht zu sehr auf. Man wird einfach nicht blasphemisch.

Einen letzten Zweig habe ich noch zu diesem Thema. Und zwar den der Menschlichkeit - wenn auch weniger als zuvor. Man vertraut "Gott" - also einfach etwas Übernatürlichem - dass er einen beschützt.

Ich würde dich gerne behüten,
aber das kann allein Gott.
So bitte ich für dich
um den schützenden Bogen
seiner Gegenwart.

Jörg Zink
(Spruch 14217)

Aber wie kommt das? Warum passt auch dieses Zitat mir nicht? Vielleicht dieses "aber das kann allein Gott". Auch, wenn ich Ähnliches sage, scheint es mir so ausgedrückt etwas nach "Ich würd ja gern, aber ich versuch‘s gar nicht erst, denn es hat eh keinen Sinn" zu klingen.

Was mich auch ein wenig beschäftigt, ich die Frage, ob ich jemanden beschütze. Oder ob mich jemand beschützt. So negativ wie ich mich hier teilweise über das Beschützen im eigenen Kontext geäußert habe, ist es wohl verständlich, dass ich mich nicht dazu aufbäumen möchte, von mir selbst zu behaupten, dass ich jemanden beschütze. Für jemanden, der mich braucht da zu sein, mich einzusetzen für die, die mich (verbal oder nonverbal) darum bitten, das ist für mich vollkommen selbstverständlich. Also, beschütze ich sie dann? Oder ist das etwas anderes? Ja, ich denke, die Fragen, die ich mir selbst nach diesem Text stelle sind, ob jemand über mich wacht. Ob und wen ich beschütze und - ganz wichtig - Was "beschützen" wirklich bedeutet.

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