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Wilhelm Busch

~ Von Rainer Kaune ~


Vielfaches Scheitern

Mit leichtem Selbstspott klagte der alte Wilhelm Busch (* 15. April 1832; † 9. Januar 1908):

„Ich kam in diese Welt herein,
mich bass zu amüsieren,
ich wollte gern was Rechtes sein
und musste mich immer genieren.
Oft war ich hoffnungsvoll und froh,
und später kam es doch nicht so.“

Die Mitwelt hielt ihn für einen erfolgsverwöhnten Bildergeschichten-Erzähler, aber er selbst glaubte fest, er sei ein vielfach gescheiterter Mensch.

Früh schon hatte der am 15. April 1832 geborene Busch den Widerstandscharakter des Lebens erfahren und peinigende Erlebnisse hinnehmen müssen. Und das ihm zugestoßene Schlimme, das konnte er nicht vergessen. Insbesondere nachts, da meldeten sich von Zeit zu Zeit die alten und doch ewig jungen Dämonen: „Schlaflosigkeit. Wer die letztere kennt, weiß, was für ein böses, verdrießliches, endloses Chaos einen Menschenkopf beunruhigen kann.“

Fast verheilt war der erste tiefe Stich, den das Leben versetzt hatte, denn hier war er schuldlos geblieben. Mit neun Jahren hatten die Eltern ihn fort gegeben vom Zuhause in Wiedensahl, damit er beim Onkel - dem gelehrten Pfarrer im drei Tagesreisen entfernten Ebergötzen - mehr lernen könnte. Busch: „Heimweh – das sind solch eigentümliche Halsschmerzen [...]“

Erst der Zwölfjährige sah die Mutter kurzzeitig wieder: „ Ich kannte sie gleich; aber sie kannte mich nicht, als ich an ihr erst mal vorbei ging. So hatte ich mich verändert.“

Tröstlich bei alledem: Der Onkel war gut, und sein Pfarrhaus wurde im späteren Leben oftmals zum Hafen ruhiger Geborgenheit. Und schön war auch: Im Sohn des Ebergötzener Dorfmüllers fand er einen Freund, einen fürs Leben.

Mit fünfzehn Jahren dann Eintritt in die Polytechnische Schule in Hannover, denn der Vater in Wiedensahl - der so lebenstüchtige Krämer - wünschte, sein Ältester solle Maschinenbauer werden. Nach einigen Semestern zeigte sich: „In der reinen Mathematik schwang ich mich bis zu ‚Eins mit Auszeichnung’ empor, aber in der angewandten bewegt’ ich mich mit immer matterem Flügelschlag.“ Und so blieb nicht aus: „Mein Eifer erlahmte.“

Im Frühjahr 1851 verließ Wilhelm Busch ohne Abschluss eigenmächtig die Schule, die drei Jahre lang das sauer verdiente Geld seines Vaters – eines Mannes mit sieben Kindern! – gekostet hatte. Neues Lebensziel: Kunstmaler werden. Aus Sicht des real denkenden Krämers in Wiedensahl hätte man auch sagen können: um Fantastisches zu wagen. Und tatsächlich kamen die Ohrfeigen des Lebens nun Schlag auf Schlag.

Ein Jahr Studium der Kunstmalerei in Düsseldorf. - Baldiger Eindruck: Völlig unbefriedigend, was da künstlerisch so getrieben wurde. Fortsetzung der Studien in Antwerpen und somit Begegnung mit den Gemälden der großen niederländischen Altmeister. – Dazu Wilhelm Busch in einem sehr viel späteren Rückblick: „[...] gern verzeih’ ich’s ihnen, dass sie mich zu sehr geduckt haben, als dass ich’s je recht gewagt hätte, mein Brot mit Malen zu verdienen [...]“

Früh war er also aufgebrochen, der niederdrückende Zweifel an der eigenen künstlerischen Begabung.

Krank an Leib und Seele trat der Einundzwanzigjährige die Rückreise nach Wiedensahl an. Schlimm quälte der Gedanke, eine gescheiterte Existenz zu sein. – Peinvolle Eigenerfahrung daher hinter dem Satz:

„Die Sorge, wie man Nahrung findet,
ist häufig nicht so unbegründet.“

Nach eineinhalbjähriger Hochschulferne dann ein allerletzter Versuch, doch noch zu einem Studienabschluss zu kommen. Der Ort der Hoffnung hieß München. Aber ein drittes Mal versandeten die Bemühungen des Studenten.

War der bereits 26 Jahre alte Wiedensahler damit völlig am Ende? Nein! – Der Zufall wollte es, dass er im Herbst 1858 mit tiefem Aufatmen sagen konnte:

„Stets findet Überraschung statt
da, wo man’s nicht erwartet hat.“

Rettend war, dass Caspar Braun – der bekannte Herausgeber der heiter-satirischen Erfolgs-Publikationen „Fliegende Blätter“ und „Münchener Bilderbogen“ - Gelegenheit hatte, in Buschs karikaturenreichen Skizzenbüchern zu blättern. Folge davon: „Es kann '59 gewesen sein, als zuerst in den ‚Fliegenden’ eine Zeichnung mit Text von mir gedruckt wurde [...] Vielfach, wie’s die Not gebot, illustrierte ich dann neben eigenen auch fremde Texte. Bald aber meint’ ich, ich müsst’ halt alles selber machen. Die Situationen gerieten in Fluss und gruppierten sich zu kleinen Bildergeschichten, denen größere gefolgt sind.“


Kein Liebesglück

Aus dem Niemand aus Wiedensahl wurde allmählich ein Jemand. Aber vergrübelte, seelisch komplizierte Naturen schütteln die Selbstvorwürfe nie richtig ab; diese lauteten in etwa: Du bist ein mehrfach Gescheiterter; trägst jetzt beruflich den närrischen Hut; bist ein Mann, der sich zu schämen hat. Zudem sagte die innere Stimme: In Liebesdingen, da bringst du auch nichts Rechtes zustande. – Und dabei galt doch:

„Liebe, sagt man schön und richtig –
ist ein Ding, was äußerst wichtig.“

Aber Busch, der äußerlich munter, wenn nicht gar pfiffig Erscheinende, war schüchtern und spröde, war seltsam gehemmt. Verstecktes Bekenntnis:

„Oft wohl hätten dich so gerne
weiche Arme warm gebettet;
doch du standest kühl von ferne,
unbewegt, wie angekettet.“

Einmal, ein einziges Mal in seinem Leben, bat er um die Hand eines Mädchens. Erfolglos. Dem Vater der siebzehnjährigen Anna erschienen die Einkünfte des zweiunddreißigjährigen Bildergeschichtenmannes gewiss als zu windig. Es war wohl das Anna-Erlebnis, das Busch später dichten ließ:

„Sie war ein Blümlein hübsch und fein,
hell aufgeblüht im Sonnenschein.
Er war ein junger Schmetterling,
der selig an der Blume hing.
Oft kam ein Bienlein mit Gebrumm
und nascht und säuselt da herum.
Oft kroch ein Käfer kribbelkrab
am hübschen Blümlein auf und ab.
Ach Gott, wie das dem Schmetterling
so schmerzlich durch die Seele ging.
Doch was am meisten ihn entsetzt,
das Allerschlimmste kam zuletzt.
Ein alter Esel fraß die ganze
von ihm so heiß geliebte Pflanze.“


Berühmt, doch seitab von der Welt

Wilhelm Busch gewann ein anderes Herz, nämlich das des Publikums. Als „Max und Moritz“ auf dem Büchermarkt herumspazierten, machten sie ihren dreiunddreißigjährigen Schreibtischvater fast im Nu bekannt bis ziemlich berühmt.

Dem Bildergeschichtenmachen blieb Busch noch rund zwei Jahrzehnte treu. Warum er dann damit aufhörte, beliebtester Unterhalter der Deutschen zu sein, wusste keiner.

Als wohlhabend gewordener Mann tat er fast nur noch das, wozu er auch Neigung verspürte. Genauer: Er malte (brachte aber niemals ein Bild vor die Öffentlichkeit!), schrieb Verse und Prosa (erwarb aber nur sehr begrenzten Beifall damit), reiste zu Freunden und Verwandten (schränkte das aber mit wachsendem Alter recht ein), hielt sich gern im Garten auf, dachte nach über Leben und Tod.

Am 9. Januar 1908 – im Alter von 76 Jahren - ging Deutschlands populärster Künstler, dessen letzter Wohnsitz Mechtshausen am Harz war, so wie er es sich mal gewünscht hatte, „still und anständig und nachdenklich aus der Welt hinaus“.





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Zufallsspruch von Wilhelm Busch

erka 4062 Sprüche 25.08.2010 - 19:04   deutscher Spruch Facebook Share
Wer jeh ein gründliches Erstaunen
über die Welt empfunden, will mehr.
Er philosophiert - und was er auch sagen mag
- er glaubt.

Wilhelm Busch erlaubterlaubtDer Spruch darf mit Autorenangabe frei verwendet werden, da die urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist († 9. Januar 1908)
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